Lektion 3: Der tägliche Analyseprozess
Über diese Lektion
Einer der größten Fehler, den ich bei vielen Tradern beobachte, ist fehlende Struktur. Sie setzen sich morgens an den Chart, öffnen TradingView und beginnen sofort damit, nach einem Einstieg zu suchen. Oft wird direkt in den kleineren Zeiteinheiten analysiert, ohne überhaupt zu wissen, was der Markt aktuell macht oder in welchem Umfeld er sich befindet. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass genau dieser Ansatz langfristig zu Problemen führt.
Heute beginne ich keinen Trading-Tag mehr mit einem möglichen Trade. Ich beginne ihn mit einer Analyse. Bevor ich überhaupt darüber nachdenke, Geld zu riskieren, möchte ich verstehen, was der Markt aktuell macht, wo er sich befindet und welche Szenarien für den heutigen Tag überhaupt realistisch sind. Mein Ziel ist nicht, möglichst schnell einen Einstieg zu finden. Mein Ziel ist es, ein klares Bild vom Markt zu bekommen.
Der erste Blick geht deshalb immer auf die höheren Zeiteinheiten. Für mich bilden Weekly, Daily und 4H das Fundament jeder Analyse. Dort entsteht der Kontext, den ich später für alle weiteren Entscheidungen benötige. Ich schaue mir an, wie die letzten Kerzen geschlossen haben, welche Bereiche aktuell relevant sind und ob sich der Markt in der Nähe wichtiger HTF-Zonen befindet. Besonders Weekly- und Daily-FVGs sowie iFVGs stehen dabei im Fokus, da diese Bereiche meiner Erfahrung nach häufig eine wichtige Rolle für die weitere Entwicklung des Marktes spielen.
Nachdem ich die höheren Zeiteinheiten analysiert habe, beschäftige ich mich mit dem Bias. Dabei interessiert mich vor allem, welche Richtung aktuell die höchste Wahrscheinlichkeit besitzt. Der operative Bias entsteht innerhalb meiner Strategie hauptsächlich durch den 4H-Chart. Gleichzeitig berücksichtige ich jedoch immer den Kontext von Daily und Weekly. Es bringt wenig, einen starken bullischen 4H-Bias zu handeln, wenn der Markt unmittelbar vor einer wichtigen Weekly-Zone steht, die jederzeit eine größere Reaktion auslösen könnte.
Sobald der Bias feststeht, beginnt der nächste Schritt meiner Vorbereitung. Ich markiere wichtige Bereiche, die für den heutigen Tag relevant sein könnten. Dazu gehören unter anderem Session Highs und Session Lows. Oft schaue ich mir dabei nicht nur die letzte Session an, sondern betrachte die letzten sechs bis zwölf Sessions. Über die Jahre habe ich festgestellt, dass ältere Liquiditätsbereiche häufig länger relevant bleiben, als viele Trader vermuten. Der Markt vergisst solche Bereiche nicht einfach.
Ein weiterer Bestandteil meiner Vorbereitung sind fundamentale Faktoren. Ich prüfe, welche Nachrichten für den heutigen Tag anstehen, welche Wirtschaftsdaten veröffentlicht werden und ob Ereignisse geplant sind, die die aktuelle Marktstruktur beeinflussen könnten. Dabei geht es mir nicht darum, jede Nachricht zu traden. Vielmehr möchte ich verstehen, ob fundamentale Faktoren meinen Bias unterstützen oder ihm widersprechen. Nachrichten sind für mich keine Strategie, sondern ein zusätzlicher Informationsfaktor innerhalb des Gesamtbildes.
Erst nachdem diese Vorbereitung abgeschlossen ist, wechsle ich in die kleineren Zeiteinheiten. Zu diesem Zeitpunkt suche ich jedoch noch immer keinen Einstieg. Stattdessen beobachte ich, wie sich der Markt innerhalb meines zuvor erarbeiteten Kontextes verhält. Reagiert er an wichtigen Zonen? Nimmt Momentum zu oder ab? Werden Liquiditätsbereiche angelaufen? Entstehen Strukturen, die meine ursprüngliche Analyse bestätigen oder infrage stellen?
Genau hier beginnt für mich die eigentliche Arbeit eines Traders. Viele Menschen glauben, Trading bestehe darin, möglichst viele Kerzen oder Muster zu erkennen. Meiner Erfahrung nach besteht Trading jedoch vor allem darin, Informationen zu filtern. Jeden Tag produziert der Markt unzählige Bewegungen, Signale und mögliche Interpretationen. Die Herausforderung besteht nicht darin, mehr Informationen zu finden. Die Herausforderung besteht darin, die wichtigen Informationen von den unwichtigen zu unterscheiden.
Ein weiterer Punkt, den ich über die Jahre lernen musste, ist die Bedeutung von Geduld. Wenn ich heute auf meine Entwicklung zurückblicke, dann hat mich vermutlich keine Eigenschaft weiter gebracht als Geduld. Viele Trader denken bei Geduld sofort daran, einfach weniger zu traden. Für mich bedeutet Geduld jedoch etwas völlig anderes. Geduld bedeutet, dem Markt die Zeit zu geben, die er benötigt, um seine Geschichte zu erzählen.
Früher wollte ich jeden Trendwechsel handeln. Ich wollte möglichst früh im Move sein und hatte ständig das Gefühl, etwas zu verpassen. Das Ergebnis war, dass ich häufig drei, vier oder sogar fünf Einstiege innerhalb derselben Bewegung gesucht habe. Immer wieder dachte ich, der Markt würde jetzt drehen. Immer wieder wurde ich ausgestoppt, nur um anschließend zuzusehen, wie der eigentliche Move erst Stunden später entstand.
Mit der Zeit habe ich verstanden, dass der Markt selten dann dreht, wenn wir es wollen. Der Markt dreht dann, wenn genügend Gründe für eine Richtungsänderung vorhanden sind. Genau deshalb spielt Geduld innerhalb der MSCM Strategie eine so große Rolle. Viele meiner besten Trades sind nicht dadurch entstanden, dass ich besonders schnell war. Sie entstanden dadurch, dass ich lange genug gewartet habe.
Heute versuche ich nicht mehr, jede Bewegung vorherzusagen. Stattdessen beobachte ich den Markt und lasse ihn seine Geschichte erzählen. Ich möchte sehen, wie er auf eine Zone reagiert, wie sich das Momentum entwickelt, wie die Struktur aussieht und ob die verschiedenen Faktoren meiner Analyse tatsächlich dieselbe Richtung unterstützen. Erst dann entsteht für mich ein hochwertiges Setup.
Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass die meisten schlechten Trades nicht durch fehlendes Wissen entstehen. Sie entstehen durch Ungeduld. Man sieht eine Zone und möchte sofort handeln. Man sieht einen kleinen Rücksetzer und glaubt, der Trend sei vorbei. Man möchte den Markt kontrollieren, obwohl die Zeit für den eigentlichen Move noch gar nicht gekommen ist.
Wenn du die MSCM Strategie wirklich verstehen möchtest, dann musst du verstehen, dass Geduld kein Nebenaspekt der Strategie ist. Geduld ist ein Bestandteil der Strategie. Ohne Geduld wirst du ständig zu früh handeln, ständig Signale sehen, die noch nicht vorhanden sind, und ständig versuchen, Bewegungen zu erzwingen. Mit Geduld hingegen lernst du, auf die Situationen zu warten, in denen der Markt dir tatsächlich einen Vorteil bietet.
Mit zunehmender Erfahrung läuft dieser Prozess immer schneller ab. Viele Entscheidungen, für die ich früher Stunden gebraucht habe, treffe ich heute innerhalb weniger Minuten. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich weniger analysiere. Es bedeutet lediglich, dass ich gelernt habe, worauf ich achten muss und welche Informationen für meine Strategie tatsächlich relevant sind. Hinter einer scheinbar schnellen Entscheidung stehen oft Jahre an Erfahrung, Beobachtung und Dokumentation.
Deshalb solltest du versuchen, nicht einfach meine Analyse nachzuahmen. Viel wichtiger ist es, den Prozess dahinter zu verstehen. Der tägliche Analyseprozess ist das Fundament jeder Entscheidung, die später getroffen wird. Wenn die Vorbereitung schlecht ist, wird es nahezu unmöglich, konstant hochwertige Entscheidungen zu treffen. Wenn die Vorbereitung hingegen sauber ist, entsteht automatisch mehr Klarheit, mehr Geduld und letztendlich auch mehr Vertrauen in die eigenen Entscheidungen.
Heute betrachte ich die Analyse nicht mehr als Vorbereitung auf einen Trade. Für mich ist die Analyse bereits ein Teil des Trades. Die Qualität meiner Analyse entscheidet oft schon darüber, ob ich später einen Gewinn oder einen Verlust realisiere. Genau deshalb nehme ich mir für diesen Prozess bewusst Zeit und versuche niemals, ihn zu überstürzen.

